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19. August 2026

Ein Leben für die Rennbahn – Nachruf auf Bernd Schirm

Das Scheibenholz gehört zu Leipzig wie Auerbachs Keller und das Völkerschlachtdenkmal. Für diesen Nachruf – zuerst erschienen in der Leipziger Volkszeitung (LVZ) – durfte ich einen Mann porträtieren, dessen Name untrennbar mit der Geschichte der Rennbahn verbunden ist: Bernd Schirm, ein Leipziger Original.
Ein Leben für die Rennbahn – Nachruf auf Bernd Schirm

Wenn Thomas und Silke die Lebensgeschichte ihres Vaters erzählen, geht es immer wieder um Pferde. Kein Wunder, denn Bernd Schirm ist unmittelbar mit der Galopprennbahn Scheibenholz verbunden. Als Geschäftsführer und Ehrenpräsident, der die Geschichte der Leipziger Sportstätte aus dem Effeff kennt. Dieses Jahr fand der Aufgalopp ohne ihn statt.

„Ich bin auf der Rennbahn groß geworden“, sagt Thomas Schirm. Geboren 1973, haben er und seine sechs Jahre ältere Schwester Silke von kleinauf den Stallgeruch mitbekommen. Die schönen Pferde, die bunten Jockeys, Limo und Bratwurst, das Wettfieber und natürlich die verschiedenen Menschen. „Ein Spiegelbild unserer Gesellschaft seit jeher, das Fluidum eines Renntages fixt einen an“, sagt Thomas. 

Faszination von Kindesbeinen an

Von März bis Mitte September verbrachte die Familie Schirm jedes Wochenende auf der Rennbahn, auch in Dresden, Halle oder Hoppegarten vor den Toren Berlins. Irgendwo war immer Rennen. Und Familienvater Bernd Schirm mittendrin, in seinem Element. Nach der Wende wurde er Geschäftsführer des Leipziger Rennklubs und des Leipziger Reit- und Rennvereins Scheibenholz, erfüllte sich sogar den bis dahin unvorstellbaren Traum vom eigenen Pferd. Sein „Greenhorn“ sei eines der erfolgreichsten Leipziger Rennpferde, sagt Thomas. 

Bernds Name ist aber auch mit dem Neustart der ältesten, noch aktiven Sportstätte Sachsens verbunden. Nach der Insolvenz des Betreibervereins Mitte der 2000er Jahre kam durch die von Alexander Leip (heute Geschäftsführer der Galopprennbahn Scheibenholz) initiierte und mitfinanzierte Sanierung der historischen Tribüne neuer Schwung in das Denkmal. Bernd genoss es gebraucht zu werden, hielt mitreißende Vorträge und war eine Erscheinung. Impulsiv, aktiv und präsent. 

Aufstieg und Niedergang in der DDR

Schon vor 1989 machte Bernd Schirm Karriere. Im Rat der Stadt Leipzig arbeitete er im Amt für Wohnungswirtschaft, war als Bürgermeister im Bezirk West auch zuständig für den Aufbau von Grünau mit seinen Wohnungen für bis zu 100.000 Menschen. Ein Job, der manche Annehmlichkeiten brachte, wie einen Dienstwagen (Wartburg) mit eigenem Fahrer, auch die Kinder wurden manchmal damit chauffiert. „Er musste eine Marionette sein, war aber eigentlich ein Freigeist“, sagt Tochter Silke. Zuhause sei entgegen der Staatsdoktrin West-Fernsehen gelaufen, nicht einmal sei es in einen FDGB-Urlaub gegangen. 

Bernd und das autoritäre System der DDR entfernten sich immer weiter, erzählen die Kinder. Das machte er auch vor der Familie deutlich, wollte mehr vom Leben, sich nicht unterordnen. Ein Satz, der bis heute Thomas und Silke in Erinnerung ist: „Wir sind nicht frei.“ Doch Bernd wollte frei sein.

1987 bei einem Ungarn-Urlaub ist er alleine und heimlich in die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland nach Budapest gefahren, am Abend war er wieder bei der Familie am Balaton. Mit der Ausreise hat es nicht geklappt, stattdessen wurden er und die Familie von der Staatspolizei verhört. Bernd wurde aus der Partei ausgeschlossen und verlor seinen Job, war einer der offiziell wenigen Arbeitslosen der DDR. In einem Bauhandwerksbetrieb fand er Unterschlupf, aber war ein gebrochener Mann. 

Flucht in den Westen

Die Unzufriedenheit mit den Zuständen in der DDR trieb Bernd in den Westen, kurz vor der Wende über die tschechische Grenze. Wieder heimlich. Thomas und Silke erinnern sich genau, wie er abends aus dem Auffanglager in Gießen zuhause anrief und die Familie nachholen wollte. Da hatte Silke gerade mit ihrem Mann die erste eigene Wohnung bezogen (endlich!) und Thomas war frisch verliebt. Auch Ehefrau Anke wollte in der Heimat bleiben. Schon einmal hatte sie ihre Heimat, die Ostsee, verlassen und war Bernd nach Leipzig in seine Heimat gefolgt. Aber dieses Mal blieb sie hart. 

Bernd Schirm, Scheibenholz, Pferde, Galopp, Rennbahn, Leipzig, Südvorstadt, Nachruf, Trauerfeier, Trauerredner, Tobias Höhn, Wunschredner, LVZWeihnachten – die Mauer war gut einen Monat gefallen – kam Bernd zurück und fuhr in einem roten Lada vor. Im Gepäck „Müller Milch“ aus dem Westen. Abends saß er in seinem Sessel, als wäre er nie weg gewesen. Und trotzdem hatte sich so viel verändert. Er hatte mittlerweile einen Job in den alten Bundesländern, arbeitete als Aufnahmeleiter in Schorndorf in Baden-Württemberg. In kurzer Zeit hat er viel erreicht, nur seine Familie vom goldenen Westen überzeugen konnte er nicht. Im Herbst 1990 ist er nach Leipzig zurückgekehrt. „Es war die spannendste Zeit in unserem Leben“, sagt Thomas.

Zurück in der Messestadt findet er eine Stelle bei einem Immobilienträger, aber noch mehr engagiert er sich auf der Rennbahn. Stolz, dass er gebraucht wird. Selbstbewusst, ohne zu prahlen und mit einer langen Historie im Gepäck: Vater Heinrich, der mit 18 Jahren der jüngste Pferdebesitzer in Leipzig nach dem Zweiten Weltkrieg war. Und Oma Rosel, die prägende Figur seiner Kindheit, die für eine gut bürgerliche Erziehung befand, dass ein Besuch auf dem Scheibenholz dazu gehört. In ihr hat Bernd Werte gefunden, die ihn formten: Zielstrebigkeit, Empathie, Ehrlichkeit und die Liebe zu Pferden.

Am 5. Juni 2025 ist er gestorben. Die Liebe zur Rennbahn tragen seine Kinder in die nächste Generation. 

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