Ein Tag als Trauredner
Wie bereite ich mich als Trauredner eigentlich auf eure Freie Trauung vor? Manch einer, der heiraten will, hat sich und mir diese Frage schon gestellt. Und es gibt so viele unterschiedliche Spekulationen. Ob ich morgens schon mit bedeutungsschwangerem Blick am Fenster stehe, während im Hintergrund leise Klaviermusik läuft? Ob ich die Rede auswendig lerne und bei Kerzenschein mit der obligatorischen Pfeife rezitiere? Ob ich gar meditiere, bevor ich mich in einen Maßanzug werfe und als feierlicher Zeremonienmeister zur Location schreite?
Ich muss euch enttäuschen, die Realität sieht ganz anders aus. Weniger Glamour, mehr Alltag, aber 100% Fokus auf euch und euren großen Tag.

Meistens beginnt so ein Tag ziemlich früh. Nicht mit Pathos, sondern mit einem Hund, der raus will und den Tag begrüßen. Unsere Golden-Retriever-Hündin Peppa ist meist als erstes wach und begrüßt mich beim Gang in die Küche. Mit dem ersten Espresso in der Hand steure ich auf meinen Schreibtisch zu. Denn jetzt, wenn alle noch schlafen, heißt es: Ruhe, Rede durchgehen, Musik und Equipment checken, Tasche packen.
Und dann ist der große Moment – zumindest für Peppa. Wir machen unsere Guten-Morgen-Runde. Während viele Jalousien unserer Nachbarhäuser noch unten sind, laufen wir durch den Morgen und ich sortiere innerlich den Tag. Ich gehe gedanklich alles durch: Anfahrt zur Weddinglocation, Utensilien für das Trauritual, besonders wichtige Menschen (die ich manchmal in ganz unterschiedlichen Sprachen begrüße), Besonderheiten und welche Stelle in der Rede könnten heute genau diesen einen Moment auslösen, in dem erst gelacht wird – und dann jemand heimlich nach dem Taschentuch sucht?
Danach: zurück ins echte Leben. Familie. Kinder. Frühstück. Fragen. Chaos. Irgendwer braucht irgendwas, irgendwer sucht irgendwas. Und ich bin mittendrin. Nicht als Redner. Sondern als Papa, Ehemann, Familienvater, einfach ich. Einer, der manchmal auch nur versucht, gleichzeitig den Earl Grey zu trinken, Brötchen für die Kleinste zu schmieren und dabei nicht zu vergessen, dass im Auto später die richtige Technik liegen muss.
Denn ja: Auch ein Trauredner muss planen und packen. Perfekte Vorbereitung ist alles.
Mikrofon? Check. Lautsprecher? Check. Rede? Check. IPad? Check. Wechselklamotten? Sicher ist sicher. Ringe? Nein, die Ringe bitte nicht – dafür bin ich nicht zuständig. Aber ich frage meistens trotzdem noch einmal danach, wer die mitbringt. Genauso wie das Eheversprechen. Man weiß ja nie.
Dann kommt der Moment, in dem ich mich in Schale werfe. Im Rahmen der Möglichkeiten. Schließlich soll ich aussehen wie jemand, dem man seinen großen Moment anvertrauen kann, aber auch nicht wie jemand, der dem Bräutigam die Show stiehlt. Das wäre unkollegial. Und vermutlich auch vergeblich.
Dann geht es los. Das Auto ist gepackt, das Navi programmiert, ab zur Location. Ob Leipzig oder Berlin, Dresden oder Hamburg, Sachsen, Thüringen, Bayern… Ich komme überall hin und kalkuliere so, dass ich meist mindestens eine Stunde vorher da bin. Sicherheit ist die Mutter der Porzellankiste.
Dort beginnt der Teil, den viele gar nicht sehen. Eine Freie Trauung startet für mich nicht erst, wenn die Musik läuft und alle Gäste sitzen. Sie beginnt viel früher. Beim Ankommen. Beim Blick auf den Aufbau. Beim Gespräch mit der Hochzeitsplanerin, dem DJ, der Sängerin, dem Fotografen, der Location. Kurze Absprachen. Kleine Korrekturen. Ein Kabel hier. Ein Stuhl dort. Ein Blick zum Himmel, falls das Wetter meint, es müsse auch noch mitreden.
Und dann natürlich: der Bräutigam.
Bräutigame erkennt man häufig daran, dass sie sehr gut angezogen sind und gleichzeitig innerlich irgendwo zwischen „Ich freue mich so sehr“ und „Ich habe vergessen, wie Atmen geht“ pendeln. Dann ist es meine Aufgabe, Ruhe reinzubringen. Ein Spruch. Ein Schulterklopfen. Ein kurzer Realitätscheck: „Alles gut. Du musst heute nicht viel können. Nur Ja sagen. Und selbst das frage ich dich vorher noch mal.“
Meistens hilft das.
Dann baue ich auf, teste die Technik, gehe innerlich den Ablauf durch. Wenn Zeit ist, schaue ich noch einmal in die Rede. Nicht, weil ich sie nicht kenne. Sondern weil jeder Satz sitzen soll. Weil ich weiß, dass dieser Moment für zwei Menschen einmalig ist. Für mich ist es Beruf. Für sie ist es ihr Hochzeitstag.
Und genau darin liegt die Verantwortung.
Ich darf Routine haben. Ich soll Routine haben. Erfahrung ist gut. Erfahrung beruhigt. Erfahrung sorgt dafür, dass ich nicht nervös werde, wenn plötzlich ein Mikro spinnt, jemand ans Handy geht (obwohl die alle aus sein sollten) oder ein Onkel beschließt, dass er jetzt noch schnell ein Glas Sekt braucht.
Aber Routine darf nie bedeuten, dass es beliebig wird.
Jede Trauung ist neu. Jedes Paar ist anders. Jede Geschichte verdient es, so erzählt zu werden, als wäre sie die einzige Geschichte der Welt. Weil sie das für diese beiden Menschen in diesem Moment ist.
Vor der Trauung mische ich mich gerne unter die Gäste. Ein kleines Warm-up. Ein Lächeln hier, ein Satz dort. Ich schaue, wie die Stimmung ist. Sind alle angespannt? Sind alle euphorisch? Gibt es Kinder, die gleich mit einer sehr eigenen Interpretation von Feierlichkeit auftreten werden? Wunderbar. Ich liebe das.
Und dann kommt sie irgendwann: die Braut.
Ich begutachte sie natürlich fachkundig. Rein professionell. Also: fast. In Wahrheit denke ich häufig: Wahnsinn, was für ein Moment! Was für ein Strahlen, was für eine Energie! Und manchmal möchte ich sie am liebsten kurz entführen. Aber dann habe ich Respekt vor dem Papa, der sie gleich hereinführen soll, und auch die Trauzeugen sind meist nicht zu unterschätzen. Also zurück zum Business und zu den Gästen. Die Spannung steigt. Es wird stiller. Oder auch nicht – je nach Gästeschar. Aber irgendwann liegt dieser besondere Moment in der Luft. Dieses leise Knistern, bevor etwas beginnt, das größer ist als ein Programmpunkt.
Dann heißt es: Feierlichkeit versprühen. Nicht steif. Nicht künstlich. Nicht mit erhobenem Zeigefinger und bedeutungsschwerer Stimme aus dem Off. Sondern warm. Persönlich. Echt.
Ich glaube fest daran: Eine Freie Trauung darf lachen. Sie darf berühren. Sie darf leicht sein und tief. Sie darf Menschen überraschen, die vorher dachten: „Na mal sehen, ob das nicht ein bisschen kitschig wird.“ Sie darf Tränen hervorholen, ohne auf sie zu zielen. Und sie darf zeigen, warum genau diese beiden Menschen zusammengehören – mit all ihren Macken, Eigenheiten, Widersprüchen und Wundern.
Ich bin dann nicht der Mittelpunkt. Ich bin der Rahmen. Der rote Faden. Der, der hält, sortiert, verbindet und sichtbar macht, was längst da ist.
Liebe.
Nach der Trauung fällt oft etwas ab. Beim Paar. Bei den Gästen. Auch bei mir. Es wird gratuliert, gelacht, umarmt, angestoßen. Manchmal bekomme ich ein Glas Sekt in die Hand gedrückt, in ausgewählten Locations auch ein Hefeweizen vom Fass (noch besser). Immer auch ein Feedback, das mich noch auf der Heimfahrt begleitet und auf Wolke sieben schweben lässt. Manchmal schaut mich ein Gast an und sagt: „Ich dachte, Freie Trauungen sind nicht so meins. Aber das war wirklich schön.“ Dann weiß ich: Mission erfüllt.
Danach wird abgebaut. Kabel einrollen. Technik verstauen. Verabschieden. Noch einmal winken. Rein ins Auto. Durchatmen. Auf dem Weg nach Hause sortiere ich mich, fühle auch eine gewisse Leere, die ungeteilte Aufmerksamkeit ist weg, jetzt heißt es wieder mutieren zum Familienmenschen. Unterwegs kommt meist schon der Anruf „Und, wie war’s?“. Und bevor ich antworten kann, fragen die Kinder, wann ich endlich komme, Zeit habe. Gut, dass der Hund nicht telefonieren kann.
Klamottenwechsel, Abendessen, Alltag. Und genau das liebe ich.
Dann wird erzählt. Ich schwärme von einer klasse Hochzeit. Von einem Paar, das gestrahlt hat. Von Gästen, die gelacht und geweint haben. Von einem Moment, der hängen bleibt. Und dann bin ich wieder ganz da. Familie pur. Gemeinsam essen. Zeit verbringen. Kinderwünsche erfüllen, vielleicht irgendwas reparieren, vielleicht den Brotteig für den morgigen Backtag vorbereiten, vielleicht einfach nur auf dem Sofa landen und merken: Das hier ist auch Glück.
Und vielleicht ist genau das der Punkt.
Ich rede bei Trauungen oft über Liebe. Über Zeit. Über Gemeinschaft. Über das, was bleibt, wenn der große Tag vorbei ist. Über die Kunst, einander im Alltag nicht aus dem Blick zu verlieren. Über Familie, Freundschaft, Vertrauen und darüber, dass ein gutes Leben nicht aus perfekten Inszenierungen besteht, sondern aus echten Momenten.
Und dann komme ich nach Hause und lebe genau das. Nicht perfekt. Wirklich nicht. Wer vier Kinder, eine wunderbare Ehefrau, einen Hund wie ein Wirbelwind, einen Beruf voller Emotionen und einen Haushalt hat, weiß: Perfektion ist ein sehr schönes Konzept für Pinterest. Im echten Leben reicht es manchmal schon, wenn alle satt sind, niemand den falschen Schuh trägt und man abends noch weiß, warum man sich das alles ausgesucht hat.

Aber vielleicht macht mich gerade das zu dem Redner, der ich bin. Ich weiß, wie wertvoll Zeit ist. Ich weiß, wie schnell Tage rennen. Ich weiß, dass Liebe nicht nur im großen Ja-Wort steckt, sondern im kleinen „Ich bin da“. Im Brotschmieren. Im Zuhören. Im gemeinsamen Lachen. Im Aushalten. Im Wiederfinden. Im Alltag.
Darum nehme ich eure Trauung so ernst.
Nicht, weil ich glaube, dass an diesem einen Tag alles perfekt sein muss. Sondern weil dieser Tag ein Anfangszeichen setzt. Ein sichtbares, hörbares, fühlbares: Wir gehören zusammen. Wir feiern das. Mit unseren Menschen. Auf unsere Art. Und dafür gebe ich alles. Mit Erfahrung. Mit Ruhe. Mit Humor. Mit Herz. Mit einem Blick für Details. Mit der Fähigkeit, Bräutigame zu beruhigen, Gäste abzuholen, Dienstleister einzubinden, Pannen wegzulächeln und aus einer Zeremonie mehr zu machen als einen Programmpunkt zwischen Sektempfang und Hochzeitstorte.
Ich bin kein Anfänger. Aber ich tue auch nicht so, als wäre ich unfehlbar. Ich bin Profi. Und Mensch. Vielleicht ist genau das die Mischung, die eine Freie Trauung braucht: jemand, der weiß, was er tut – und trotzdem fühlt, worum es geht. Denn am Ende geht es nicht um mich. Nicht um die perfekte Rede. Nicht um den perfekten Ablauf. Nicht einmal um die perfekte Hochzeit. Aber worum geht es dann? Um das Wichtigste!
Es geht um euch.
Um eure Geschichte. Eure Menschen. Eure Liebe. Euer Ja. Und wenn ich am Abend nach Hause komme, die feinen Schuhe gegen meine Schlappen tausche, mit meiner Familie esse, vielleicht den Grill anschmeiße oder spontan eine Backsession initiiere und denke: „Was für ein Tag“ – dann weiß ich wieder, warum ich diesen Beruf so liebe.
Weil ich an einem Tag bei zwei Formen von Glück zu Hause sein darf. Bei eurem. Und bei meinem. Das verbindet über den Moment hinaus.
Begleitet mich auf die größte Abenteuerreise – das Leben. Mit Humor und Tiefsinn. Ich erzähle – manchmal auch mit Gästen – von großen Festen wie Hochzeit, Taufe und natürlich auch Abschied. Die Trauerfeier, letzte Fest eines Menschen auf Erden. Bei all diesen Lebensereignissen spreche ich als freier Redner – als Wunschredner.
Und alle dieser Feierlichkeiten haben eines gemeinsam: Es geht um Leben, Lieben, Lachen.
Ja, auch bei der Trauerfeier darf geschmunzelt werden. Und auch Episoden aus dem Familienleben bleiben nicht verborgen. Von der Erdbestattung eines Regenwurms bis zur Verwandlung von Wasser in Eis.