Ich bin bei euch
Als Trauerredner habe ich hunderte Familien in den zurückliegenden Jahren begleitet. Und ich wage zu sagen: An viele Familien erinnere ich mich auch Jahre danach noch ganz genau. So wie auch beim Anruf des Bestatters, der mir einen Ortsteil von Bennewitz (Sachsen) sagte und einen Familiennamen. Ich habe einmal Luft geholt und entgegnete ihm Details, die sechs Jahre zurückliegen. Er so: „Sie erinnern sich ja wirklich.“
Eine irre Geschichte: Vor sechs Jahren habe ich eine Familie begleitet – mitten in Corona. Damals strenge Auflagen, vieles schien unmöglich. 10 Gäste waren zur Trauerfeier erlaubt, eine Zeit, in der Trauernde im Ausnahmezustand waren. So auch die Dame, die ich damals zuhause besucht hatte. Sie wollte mehr, viel mehr. Wir haben geredet, lange geredet. Mitten im Gespräch habe ich zu ihr gesagt: „Ich bin bei Ihnen.“ Da fühlte sie sich verstanden, gehört, respektiert.
Kurzum: Es waren mehr als 10 Gäste, aber vertretbar. Der Bestatter ist erst gar nicht gekommen. „Was ist, wenn eine Polizeistreife auftaucht?“ Ja, die Angst war damals präsent. Aber ich sage auch: Es war total konform. Abstand eingehalten, im Freien, aber eben innovativ gedacht. Und würdevoll. Mit Verantwortung, Abstand, Augenmaß und erstaunlich viel Nähe. Wenn ich zurückdenke, war das der Ursprung der Lebensfeiern. Damals ist aus der tradierten Form der Trauerfeier die Lebensfeier geworden.

Jetzt ist die Witwe von 2020 selbst gestorben.Auf dem Sterbebett sagte sie zu ihrer Tochter:„Schau in den Ordner. Ruf den Redner an.“
Heute stand ich in der kleinen Dorfkirche, um die Dame zu verabschieden. Und als ich reinkam, sah ich am Rednerpult das Spruchband hängen: „Ich bin bei euch.“
Kann das sein? Zufall, Schicksal, Fügung?
Vielleicht ist das das Größte, was Worte leisten können: Sie verklingen, aber sie schaffen etwas viel Größeres: Vertrauen. Sie stiften Verbindung. Und manchmal führen sie uns Jahre später wieder an denselben Ort zurück. Unbewusst und doch bewusst.
Wir haben die heutige Lebensfeier sorgfältig und mit viel Liebe geplant. Am Ende durfte sich jeder ein Glas selbtsgekochter Marmelade aus den unendlichen Vorräten der Verstorbenen mitnehmen. Auch in dem Bewusstsein, dass sie es so toll gefunden hätte, wenn alle dadurch an sie denken.
Begleitet mich auf die größte Abenteuerreise – das Leben. Mit Humor und Tiefsinn. Ich erzähle – manchmal auch mit Gästen – von großen Festen wie Hochzeit, Taufe und natürlich auch Abschied. Die Trauerfeier, letzte Fest eines Menschen auf Erden. Bei all diesen Lebensereignissen spreche ich als freier Redner – als Wunschredner.
Und alle dieser Feierlichkeiten haben eines gemeinsam: Es geht um Leben, Lieben, Lachen.
Ja, auch bei der Trauerfeier darf geschmunzelt werden. Und auch Episoden aus dem Familienleben bleiben nicht verborgen. Von der Erdbestattung eines Regenwurms bis zur Verwandlung von Wasser in Eis.