Jeder Abschied tut weh
Der große, endgültige Abschied am Ende eines Lebens tut weh. Aber, vielleicht kennst du das, auch die kleinen Abschiede zwischendrin schmerzen. Auch der Mini-Abschied im Alltag, wenn Kinder größer werden und die Hand beim Spazierengehen nicht mehr so selbstverständlich suchen oder später, wenn sie ausziehen. Wenn eine lieb gewonnene Serie endet (noch dazu melancholisch), wenn ein vertrauter Ort sich wandelt oder ein Mensch dir gegenüber sich verändert – oder du dich selbst veränderst.
Abschied heißt: Etwas war wichtig genug, dass es eine Lücke hinterlässt.
Und vielleicht ist genau das der kluge Gedanke daran. Der Schmerz zeigt nicht nur, was fehlt. Der Schmerz zeigt auch ganz deutlich, was da war. Nähe, Gewohnheit, Liebe, Vertrauen, gemeinsame Zeit.
Darum müssen wir Abschiede nicht kleinreden. Aber wir dürfen in ihnen auch mehr sehen als Verlust: Sie sind manchmal der Preis dafür, dass etwas Bedeutung hatte.
Genau das steht im Mittelpunkt einer Trauerfeier. Es ist nicht allein die Trauer, sondern das Bewusstmachen dessen, was uns über Jahre und Jahrzehnte so wichtig war. Jede Rede sehe ich als Trauerredner als Revue des Lebens mit einzigartigen Schätzen, großen und kleinen Erfolgen, Herausforderungen und Chancen. Es ist eine Rede auf das Leben – eine Würdigung, die An- und Zugehörigen Abschied nehmen lässt und den Weg für die Zukunft bereitet. Gerade deswegen heißen meine Abschiedsfeiern Lebensfeiern.
Denn auch das gehört zum Abschied: Er macht uns unsere eigene Vergänglichkeit bewusst. Und er lässt uns erkennen, dass nichts, gar nichts selbstverständlich ist. In deinem und in meinem Leben. Da fällt mir die Geschichte eines Mannes ein, den ich als Grabredner jüngst in einer Lebensfeier würdigen durfte. Im Vorgespräch sagten mir seine Kinder: „Er hat nie gehadert, sondern der aus jeder Prüfung, die ihm das Leben gestellt hat, versucht das Beste zu machen.“
Faszinierend!
Nicht stehen bleiben, nicht verbittern, nicht auf das schauen, was fehlt. Sondern fragen: Was geht jetzt noch? Was ist möglich? Wo ist der nächste kleine Schritt? Wie kann ich aus dieser Situation wenigstens das Beste machen? Wie gehe ich mit dem Abschied um und verwandle ihn in einen Neuanfang?
Mich lehrt dieser eine Satz der Kinder: Wir können nicht immer entscheiden, was geschieht. Aber wir können oft entscheiden, wie wir damit umgehen. Vielleicht nicht perfekt, schon gar nicht heldenhaft, aber Schritt für Schritt. Du bist der Entscheider.
Daraus können wir alle etwas mitnehmen – und als Trauerrender ich nehme aus jeder Lebensgeschichte etwas für mich mit: Beim nächsten Ärger nicht gleich fragen, warum mir das passiert. Sondern konstruktiv überlegen, was nun zu tun ist. Bei der nächsten Enttäuschung nicht nur auf das Ende schauen, sondern auch auf das, was trotzdem bleibt. Bei der nächsten Prüfung nicht so tun, als wäre alles gut, sondern ehrlich sagen: „Das ist schwer. Aber ich lasse mich davon nicht ganz bestimmen.“
Das Beste aus einer Situation zu machen, bedeutet nicht, alles schönzureden. Es bedeutet, dem Schweren nicht das letzte Wort zu geben. Und vielleicht wäre das ein guter Gedanke für uns alle: Ein bisschen weniger hadern. Ein bisschen mehr handeln. Ein bisschen weniger fragen, warum das Leben manchmal so ist. Und ein bisschen öfter schauen, was wir daraus machen können. Abschiede annehmen, Erinnerungen genießen und die Haltung dieses Menschen auf uns und in uns wirken lassen.
Begleitet mich auf die größte Abenteuerreise – das Leben. Mit Humor und Tiefsinn. Ich erzähle – manchmal auch mit Gästen – von großen Festen wie Hochzeit, Taufe und natürlich auch Abschied. Die Trauerfeier, letzte Fest eines Menschen auf Erden. Bei all diesen Lebensereignissen spreche ich als freier Redner – als Wunschredner.
Und alle dieser Feierlichkeiten haben eines gemeinsam: Es geht um Leben, Lieben, Lachen.
Ja, auch bei der Trauerfeier darf geschmunzelt werden. Und auch Episoden aus dem Familienleben bleiben nicht verborgen. Von der Erdbestattung eines Regenwurms bis zur Verwandlung von Wasser in Eis.