Nachruf auf Wende-Oberbürgermeister Günter Hädrich
Der Wikipedia-Eintrag von Günter Hädrich fällt karg aus. „Er war von November 1989 bis Juni 1990 amtierender Oberbürgermeister der Stadt Leipzig„, heißt es darin. 212 Tage, um genau zu sein. Aber 212 turbulente Tage in einer Zeit, in der die Friedliche Revolution in die Geschichtsbücher eingegangen ist. Als Zehntausende auf die Straßen gingen, sorgte er für ein handlungsfähiges Rathaus. Dass er Mitglied der SED war, ist selbstredend. Eine Erinnerung an ein fast vergessenes Stadtoberhaupt.
Mehr Nachrufe aus Leipzig und der Region gibt es in meiner Rubrik bei der Leipziger Volkszeitung. Auch freue ich mich immer über Themenvorschläge, denn jede Geschichte ist es wert, erzählt zu werden.
Der magische Herbt1989, plötzlich schauen alle nach Leipzig und machen ihre Aufwartung: Bundeskanzler Helmut Kohl, Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Johannes Rau, Frankreichs Staatspräsident François Mitterand. Sie geben sich in den Wochen und Monaten des Umbruchs die Klinke in die Hand. Und einer ist immer dabei: Günter Hädrich. Pflichtbewusst, besonnen, diszipliniert. 35 Jahre ist das her, genug Zeit, um die turbulenten Monate im Rampenlicht zu sortieren, auch für Ehefrau Ulrike. Ob die Scheinwerfer der Öffentlichkeit ihren Mann verändert haben? „Nein, denn ihm war immer bewusst, dass er nur eine Zwischenlösung ist“, sagt sie.
Hädrich war die Brücke zwischen Zusammenbruch und Aufbruch, zwischen Ost und West. Damals, als Oberbürgermeister Bernd Seidel von heute auf morgen hingeschmissen hatte und Hädrich als Stellvertreter einsprang bis zur Oberbürgermeisterwahl von Hinrich Lehmann-Grube (SPD) aus der Partnerstadt Hannover. Lehmann-Grube habe sich auch für Hädrich als Amtsleiter der Kämmerei stark gemacht. Wegbegleiter beschreiben ihn als „nie abgehoben, ein feiner Kerl“, „ein Vermittler, der zuhören kann“ und „anerkannt, bodenständig.“
Nach 1993 wechselte er in die Privatwirtschaft, aus dem öffentlichen Leben hat er sich längst zurückgezogen. Dabei hätte er einiges zu erzählen.
Geboren mitten im Krieg, sein Vater fällt vor Moskau und hat ihn nie gesehen. Vom Ährenlesen und Kartoffelstoppeln – zwei Begriffe, die heute kaum noch geläufig sind, aber von der prekären Lebensmittelsituation erzählen. Oder wie er als Kind durch ein kleines Kellerfenster abgeseilt wurde, um Konserven mit Fleisch und Wurst aus Wehrmachtsbeständen zu klauen. „Heute nicht mehr vorstellbar: Kartoffelpuffer aus Kartoffelschalen standen damals mit auf dem Speiseplan“, schreibt er in seinen Erinnerungen. Seine Aufzeichnungen sind präzise, auch wenn vieles Jahrzehnte her ist. Aber auch das ist Günter Hädrich: korrekt, akribisch, reflektiert.
Sein Leben hat er sorgfältig in Kapitel geordnet, die Vorlage für ein Buch. Mehrfach hatten wir darüber gesprochen, doch es ist nie dazu gekommen. Leider. Umso spannender lesen sich die Anfänge. Ein Stück Leipziger Nachkriegsgeschichte, eingewoben sind viele Namen und Orte.
Nachdem sich sein Berufswunsch Meteorologe zerschlug, machte er eine Lehre zum Mechaniker im VEB Metallverarbeitung Leipzig. „Die Ausbildung begann mit Feilen, Feilen, Feilen…“, schreibt Hädrich. Er macht seine Sache so gut, dass er an die damalige Arbeiter- und Bauernfakultät delegiert und zum Hochschulstudium in die Sowjetunion geschickt wird – ohne bei der Abreise genau zu wissen, wo er landen soll und mit einem durch die Schule verklärten Bild von Russland. Damit beginnt für ihn eines der prägenden Kapitel seines Lebens: das Leben und Studium in Leningrad (heute: Sankt Petersburg). Es erzählt von primitiven Wohnverhältnissen, Camping in russischen Wäldern, der Eremitage, Tanzabenden und dem Kennenlernen der Mathematikstudentin Ulrike.
Im fünften Studienjahr ziehen beide zusammen in ein 18 Quadratmeter großes Zimmer, eingerichtet mit ausrangierten Möbeln aus dem Wohnheim-Keller. Im Februar 1967 wird geheiratet, im Juili wird Sohn Thomas geboren.
Zurück in Leipzig arbeitet Günter Hädrich als Konstrukteur im VEB Galvanotechnik. In den 1970er Jahren wird er Parteisekretär des Betriebes, kommt zum Rat des Stadtbezirks Nordost als wissenschaftlicher Mitarbeiter und wird zum Stadtbezirksrat für Planung ernannt. Schritt für Schritt arbeitet er sich nach oben, in die SED-Kreisleitung, nimmt ein Studium an der Parteihochschule Berlin auf und wird Stadtbezirksbürgermeister Nordost. Dort, wo er gemeinsam mit seiner Familie in der Plattenbausiedlung in Schönefeld wohnt. Dahinter steckte, so erzählt es Ulrike, kein ausgeklügelter Karriereplan. „Es halt sich halt so ergeben, es ist ihm zugeflogen. Auch weil seine Vorgesetzten erkennen: da macht jemand seine Arbeit gut und denkt mit.“
Als er zum Stellvertreter des Oberbürgermeisters für Planung ernannt wird im Frühjahr 1989, haben die montäglichen Friedensgebete schon Tradition. Dass er es sein wird, der den Wendeherbst als Statthalter bestreitet, ahnt er nicht. Dass er bis in die Morgenstunden an Runden Tischen sitzen wird ebenso wenig. Aber auch nicht, dass er einmal so einfach die Welt bereisen kann. Die Faszination von fernen Kontinenten hält der Hobbyfilmer auf zahlreichen Videos fest. Sein Interesse an Politik und Russland bleiben bis zum Schluss. Am 8. Oktober 2025 ist Günter Hädrich gestorben.
Begleitet mich auf die größte Abenteuerreise – das Leben. Mit Humor und Tiefsinn. Ich erzähle – manchmal auch mit Gästen – von großen Festen wie Hochzeit, Taufe und natürlich auch Abschied. Die Trauerfeier, letzte Fest eines Menschen auf Erden. Bei all diesen Lebensereignissen spreche ich als freier Redner – als Wunschredner.
Und alle dieser Feierlichkeiten haben eines gemeinsam: Es geht um Leben, Lieben, Lachen.
Ja, auch bei der Trauerfeier darf geschmunzelt werden. Und auch Episoden aus dem Familienleben bleiben nicht verborgen. Von der Erdbestattung eines Regenwurms bis zur Verwandlung von Wasser in Eis.