Regal der Eitelkeiten
Wir alle haben eins. Nicht sichtbar, nicht aus Holz, nicht verschraubt: ein Regal der Eitelkeiten.
Ein imaginäres Wandbrett, auf dem wir die Dinge abstellen, die uns wichtig erscheinen oder die wir wichtig wirken lassen wollen. Diplome, Titel, Preise, Veröffentlichungen – all die kleinen und großen Trophäen des Lebens, die wir uns selbst manchmal ein bisschen zu gern anschauen.
Auch in meinem (zugegeben gut sortierten) Regal stehen so ein paar Stücke: mein Diplom als Journalist (Uni Leipzig), die Promotion in der Wissenschaftskommunikation (FU Berlin), Bücher mit meinem Namen auf dem Rücken, Ehrenmitgliedschaften, Dankesbriefe von Hochzeitspaaren und Familien sowie jede Menge Lobhudelei. Alles fein gestapelt, so wie bei anderen die Urlaubssouvenirs.
Und dann kam vor Kurzem ein Objekt dazu, das dort eigentlich gar nicht hineinpasst – und es gleichzeitig vollkommen neu definiert. Eine frischgebackene Zwölfjährige – emotional irgendwo zwischen Genie, Dramaqueen und unbestechlicher Jury – überreichte mir ein Kunstwerk mit nur einem Satz:
„Du bist der beste Papa ever.“
Kein Titel. Kein akademischer Rang. Keine Jury mit Siegel. Nur Filzstift und Wahrheit.
Natürlich habe ich dieses Meisterwerk sofort in mein inneres Regal aufgenommen. Und meinen Kindern verkündet: „Wenn ihr demnächst wieder sauer auf mich seid, müsst ihr fünf Minuten dieses Kunstwerk betrachten. Die Linienführung wirkt, der Farbmix erdet, und mein frisch verliehener Titel sollte euch daran erinnern, wen ihr hier vor euch habt.“
Doch keine 24 Stunden nach der feierlichen Vernissage die dramatische Wende, naja, eigentlich eine eher lapidare Frage: „Papa… kannst du das vielleicht wieder wegmachen? Das ist mir peinlich.“
So schnell kann’s gehen. Gerade noch die Krönungsmesse, jetzt nahe Schall und Rauch. Ruhm ist vergänglich, sogar der in Filzstift. Aber viel wichtiger: Papa-Sein nicht. Das bleibt. Ein Leben lang. Dafür bin ich dankbar.
Was das mit mir als Freier Redner zu tun hat? Alles.
Als Trauredner, Trauerredner und Redner bei Kinderwillkommensfesten und Jugendweihen treffe ich ständig auf Menschen, deren „Regale“ voll sind – aber deren wahre Geschichten woanders liegen. Nicht in den Trophäen, sondern in den Momenten dazwischen. In kleinen Gesten, großen Worten, ehrlichen Blicken. In den Dingen, die man nicht zeigen, sondern fühlen muss.
Bei Trauungen erzählen Hochzeitspaare oft nicht von ihren Erfolgen, sondern davon, wie sie füreinander da sind. Bei Trauerfeiern berühren selten Auszeichnungen – sondern die alltäglichen Szenen, die jemand unvergesslich machen. Und bei Kinderwillkommensfesten sind es die winzigen, wilden Wahrheiten, die zählen.
Dieses Papa-Bild erinnert mich daran, worum es wirklich geht: Nicht um das, was glänzt oder auf Instagram trendet, sondern um das, was bleibt. Nicht um Titel, sondern um Beziehungen. Und um Worte, die Menschen miteinander verbinden.
Sind wir doch mal ehrlich: Brauchen wir wirklich ein Regal der Eitelkeiten? Oder reicht es nicht einfach so zu sein wie wir sind.
Vielleicht reicht ein Satz in Filzstift. Ein ehrlicher Moment. Eine kindliche Wahrheit, die alles überstrahlt.
Und ja – selbst wenn sie inzwischen „peinlich“ ist, ich trage sie weiter in meinem unsichtbaren Regal. Gut sichtbar. Gut aufgehoben. Und wichtiger als jede Urkunde. Weil es Zeugnis eines ehrlichen Moments ist. Okay, vielleicht hole ich es an der richtigen Stelle noch mal raus. Zum Beispiel zum 18. Geburtstag. Oder zur Hochzeit?
Begleitet mich auf die größte Abenteuerreise – das Leben. Mit Humor und Tiefsinn. Ich erzähle – manchmal auch mit Gästen – von großen Festen wie Hochzeit, Taufe und natürlich auch Abschied. Die Trauerfeier, letzte Fest eines Menschen auf Erden. Bei all diesen Lebensereignissen spreche ich als freier Redner – als Wunschredner.
Und alle dieser Feierlichkeiten haben eines gemeinsam: Es geht um Leben, Lieben, Lachen.
Ja, auch bei der Trauerfeier darf geschmunzelt werden. Und auch Episoden aus dem Familienleben bleiben nicht verborgen. Von der Erdbestattung eines Regenwurms bis zur Verwandlung von Wasser in Eis.