Schweren Anlässen die Schwere nehmen
Schweren Anlässen die Schwere nehmen – das ist gar nicht immer so leicht. Auch nicht für einen Redner-Profi. Nachdem die Bestatterin am Telefon mich nach einem freien Termin gefragt hat, sagte sie: „Du kennst die Familie übrigens, wir haben erst vor ein paar Wochen die Schwester zusammen beerdigt.“ Als ich den Vornamen höre, weiß ich sofort, um wen es geht. Nein, wie kann das sein?
Es sind diese Momente, die mich auch nach Jahren als Freier Redner beschäftigen. Mir von jetzt auf dann Lebensgeschichten ganz plastisch vor Augen führen. Auch das eine „Nebenwirkung“ meines Berufes als Trauerredner: Ich höre einen Namen und erinnere mich sofort an den Menschen und seine Lebensgeschichte. Manchmal sehe ich das Wohnzimmer vor mir, in dem ich Fotoalben anschauen durfte, mal ist es ein Zitat oder eine Episode aus dem Leben. Wie ein Kinofilm. Ja, ich fühle mit, aber ohne mitzuleiden.
Nun geht es also um die Schwester der vor wenigen Wochen verstorbenen. Wieder sitze ich in einem Wohnzimmer, drei Generationen am Tisch. Die Traurigkeit ist greifbar, die Fassunglosigkeit nicht zu beschreiben. Dann fällt der Satz: „Wir haben Sie ja schon gehört und wissen, dass Sie das toll machen.“ Was für eine Wertschätzung meiner Arbeit als Freier Redner auch für taurige Anlässe und schwierige Situationen des Lebens. Wer mich kennt, weiß auch: Ich kann mit Komplimenten nicht so gut umgehen, schon gar nicht vor getaner Arbeit. Denn Rede ist anders, immer wieder eine neue Herausforderung.

Im Gespräch füllt sich Seite um Seite, das Leben wird greifbar. Logischerweise Parallelen der Geschwister. Insgeheim dachten manche Familienmitglieder sicher, sie wüssten, was ich erzählen werde. Aber weit gefehlt! Erstens werden auch Unterschiede deutlich, zweitens würde ich dieselbe Rede nie zwei Mal halten. Weil jeder Mensch eine Zeremonie verdient hat, die nur ihm gehört. Und damit auch eine ganz individuelle Lebensrede.
Umso mehr freute ich mich, als wir am Grab mit Tränen in den Augen Abschied nehmen. Manche umarmen mich spontan, schon in der Trauerhalle auf dem Friedhof Leipzig-Wahren mussten manche Schmunzeln trotz Trauer. Gut so! Manche Trauergäste haben mich nun binnen weniger Wochen zwei Mal gehört, aber jedes Mal einen ganz anderen Sound. Weil jede Lebensgeschichte mich inspiriert. Dieses Mal ging es darum, was wichtig ist. Jede Lebensrede hat ihren ganz eigenen Sound – und eine einzigartige Botschaft.
Begleitet mich auf die größte Abenteuerreise – das Leben. Mit Humor und Tiefsinn. Ich erzähle – manchmal auch mit Gästen – von großen Festen wie Hochzeit, Taufe und natürlich auch Abschied. Die Trauerfeier, letzte Fest eines Menschen auf Erden. Bei all diesen Lebensereignissen spreche ich als freier Redner – als Wunschredner.
Und alle dieser Feierlichkeiten haben eines gemeinsam: Es geht um Leben, Lieben, Lachen.
Ja, auch bei der Trauerfeier darf geschmunzelt werden. Und auch Episoden aus dem Familienleben bleiben nicht verborgen. Von der Erdbestattung eines Regenwurms bis zur Verwandlung von Wasser in Eis.