Warum wir Verstorbenen eine gute Reise wünschen
Ich weiß nicht, wohin Tote gehen. Und ich finde, das muss ich auch nicht wissen.
Menschen haben ganz unterschiedliche Vorstellungen davon, was nach dem Tod kommt. Manche glauben an Gott und an ein Wiedersehen. Andere an eine Form von Weiterleben, an Energie, an eine neue Existenz. Wieder andere sagen ganz klar: Mit dem Tod endet das Leben.
All das darf sein. Genau deshalb gefällt mir das Bild von der Reise so sehr. Es schreibt nichts vor und behauptet nichts. Es lässt Raum für Glauben, für Zweifel, für Hoffnung. Und auch für das Nichtwissen. „Gute Reise“ kann jeder auf seine Weise verstehen.
Vielleicht berührt uns dieser Satz auch deshalb, weil wir ihn aus unserem Alltag kennen. Wir verabschieden unsere Kinder morgens auf dem Weg in die Schule, bringen einen Freund zum Flughafen und Winken am Zugleis dem ausfahrenden Zug hinterher. Wie oft habe ich von meinen Eltern die immer wieder gleichen Sätze gehört, wenn ich ins Auto steige: „Fahr vorsichtig. Meld dich, wenn du angekommen bist. Gute Reise.“
Hinter diesen Sätzen steckt keine große Philosophie. Hinter diesen Sätzen stecken Liebe und Angst gleichermaßen. Sie sagen: Du bist mir wichtig. Ich möchte, dass es dir gut geht.
Beim letzten Abschied ist das anders. Da kommt keine Nachricht mehr. Kein „Bin gut angekommen“, kein Foto vom Zielort, kein kurzer Anruf. Und trotzdem bleibt dieses Bedürfnis: einem Menschen noch etwas mitzugeben. „Gute Reise“ ist für mich genau das, ein letzter inniger Wunsch.
Wenn ein Mensch stirbt, ist oft vom Ende die Rede. Als Trauerredner wechsle ich viel lieber die Perspektive. Mich interessiert, was davor war, die gemeinsam zurückgelegte Strecke, die gemeinsam verbrachte Zeit.
Die Jahre, die Menschen miteinander hatten. Die geraden Wege und die kurvigen Umwege, die leichten Etappen und die schweren. Die Menschen, die ein Stück mitgegangen sind. Die Orte, die wichtig waren. Entscheidungen, Zufälle, Macken, Leidenschaften, Streit, Versöhnung, Lachen und und und. Das echte Leben eben. Aus hunderten von Trauergesprächen weiß ich:
Kein Leben verläuft schnurgerade und deshalb sollte auch keine Trauerrede klingen wie eine glattgebügelte Biografie.
Ein Mensch darf in einer Lebensfeier so vorkommen, wie er wirklich war. Mit seinen Stärken und Eigenheiten, mit seinem Humor und seinen Ecken.
Ich erlebe immer wieder, dass Familien Sorge haben, eine Trauerfeier müsse einer bestimmten Vorstellung folgen. Gar nichts muss! Eine gute Trauerfeier soll vielmehr zu dem dem Menschen passen, um den es geht, und zu denen, die Abschied nehmen. Eine gute Abschiedsfeier eröffnet einen Raum – und dazu gehört manchmal ein Gebet oder ein Rocksong, manchmal Stille und manchmal ein Luftballon mit den Worten „Adieu, gute Reise.“
Genau darin liegt für mich die Aufgabe eines Trauerredners: keine Antworten überzustülpen, sondern zuzuhören. Herauszufinden, was diesen Menschen ausgemacht hat. Welche Sprache zu ihm passt. Welche Erinnerungen bleiben sollen. Und welche Worte den Angehörigen guttun.
Vielleicht wissen wir nicht, wohin die letzte Reise führt. Aber wir wissen, woher ein Mensch kommt. Wir kennen die gemeinsame Strecke, die Geschichten, die Spuren. Die Momente, in denen er unser Leben verändert hat. Ganz schön viel für einen wertvollen und würdevollen Abschied. Nicht die Antwort auf die Frage, was danach kommt, sondern die Gewissheit, dass vorher etwas war, das bleibt. Das gilt nicht nur für den Abschied eines Menschen, sondern auch für den Abschied eines geliebten Tieres.
Adieu. Gute Reise.
Begleitet mich auf die größte Abenteuerreise – das Leben. Mit Humor und Tiefsinn. Ich erzähle – manchmal auch mit Gästen – von großen Festen wie Hochzeit, Taufe und natürlich auch Abschied. Die Trauerfeier, letzte Fest eines Menschen auf Erden. Bei all diesen Lebensereignissen spreche ich als freier Redner – als Wunschredner.
Und alle dieser Feierlichkeiten haben eines gemeinsam: Es geht um Leben, Lieben, Lachen.
Ja, auch bei der Trauerfeier darf geschmunzelt werden. Und auch Episoden aus dem Familienleben bleiben nicht verborgen. Von der Erdbestattung eines Regenwurms bis zur Verwandlung von Wasser in Eis.